- Geschehen in der Gemeinde

Rede von Herrn Dr. Eduard Westreicher bei der Einweihungsfeier am 01. September 2019 in Steina
 
Sehr geehrte Gäste,
 
noch einmal herzlich willkommen an diesem Ort der Erinnerung. Heute vor 80 Jahren begann ein schrecklicher Krieg, dem aus der Gemeinde Steina 231 Menschen zum Opfer fielen. Was dies für ihre Familien, Freunde und Bekannten bedeutet hat, können wir nur ansatzweise ahnen, vorstellen möchten wir es uns nicht.
 
Aus der Fülle der Gedanken, die mir 80 Jahre nach dem Beginn des Krieges in den Sinn kommen, möchte ich mich auf nur wenige beschränken. Ich möchte Sie alle sehr direkt fragen:
Warum sind Sie heute eigentlich hier? Sie haben sich die Mühe gemacht und einige unter uns sind trotz Ihres engen Terminkalenders auch von weither gekommen, um hier unter uns zu sein.
 
WARUM?
 
Selbstverständlich kann ich mir nicht anmaßen, diese Frage für Sie zu beantworten. Ich erlaube mir aber, auf diese Frage mit anderen Fragen einzugehen.
 
 Kann es sein, dass für einige von Ihnen eine direkte verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehung zu unseren Opfern und ihren Familien besteht und Sie mit Ihrer heutigen Anwesenheit den Toten die letzte Ehre erweisen wollen? Für meine Schwieger-Familie ist dies der Fall. Bei den Recherchen für das Projekt sind wir auf eine Todesanzeige von Herbert Schäfer gestoßen. Er ist der Onkel meiner Frau, einer von 3 Söhnen von Elsa Schäfer, die 90 Jahre alt geworden ist. Die Anzeige und ein Foto von Elsa Schäfer können Sie auf dem Blatt sehen, das wir jetzt herumreichen. Stellvertretend für alle Opfer aus Steina stelle ich beim Betrachten der Anzeige fest, dass eine Verlobung jäh beendet wurde – der Krieg beendete ein Lebensprojekt. Ferner kommt mir immer wieder die Frage, was Elsa Schäfer wohl gedacht haben mag, wenn sie noch im hohen Alter im Wald Reisig sammelte – so haben sie einige hier gekannt. Was ging in ihrem Kopf vor? Wie hat sie ihr Leben geführt, in dem sie auch einen zweiten Sohn Felix in diesem schrecklichen Krieg verloren hat? Ich weiß es nicht, kann es aber irgendwie fühlen, wenn ich an unsere eigenen 3 Kinder denke und Gott dafür danke, dass er sie mir erhalten hat.
 
Kann es sein, dass heute und hier einige von uns an Freunde und Kameraden aus Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr denken, die der Krieg aus ihrer Mitte gerissen hat? Denken Sie heute vielleicht an das, was diese Freunde und Kameraden für die Gemeinde, für uns alle in freiwilliger Arbeit geleistet haben? Ein Blick einige Meter die Hauptstraße hinauf zeigt uns den Feuerwehr- oder Steiger-Turm, der auch von Vereinsmitgliedern und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr errichtet wurde, die Opfer des Krieges wurden.
 
Eine dritte Frage zum Sinn und Zweck unseres heutigen Zusammenseins:
Warum haben so viele Leute an diesem Projekt mit unzähligen Aktivitäten mitgewirkt? Die Arbeitsstunden und zahlreiche andere Tätigkeiten lassen sich nicht zählen. Auch hier erlauben Sie mir die Feststellung, dass ich für die zahlreichen Unterstützer nicht sprechen kann, außer ihnen von ganzem Herzen zu danken. Aber eine persönliche Antwort, nur für mich möchte ich geben. Am Anfang war es ein unbestimmtes Gefühl, das einen antrieb: Das gehört sich so, Du musst es machen. Dann, im Laufe der 2 Jahre zur Vorbereitung unseres heutigen Tages, habe ich langsam gelernt, dass ich als eingeheirateter Neubürger durch dieses Projekt Teil einer Gemeinschaft wurde. Viele Gespräche und auch kritische Fragen haben mich Ihnen allen nahe gebracht. Ich habe durch das Projekt die Erfahrung neuer Freundschaften und enger vertrauensvoller Zusammenarbeit machen dürfen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn bei einem Anruf in einer Notlage die Antwort kommt: „Mach Dir keinen Kopf, das regeln wir.“ Das Ergebnis dieses im Laufe der Zeit gewachsenen Zusammenwirkens sehen Sie alle heute, vor Ihren Augen. Ich wünsche mir und uns allen, dass wir dieses Erlebnis einer wunderbaren Zusammenarbeit auch in Zukunft erfahren dürfen. Mögen die Namen, die wir heute hören und der Feuerwehrturm ganz in unserer Nähe eine Aufforderung an uns alle sein, auch in Zukunft für unsere Gemeinschaft in Steina zusammen zu stehen und füreinander da zu sein. Dann hat das Projekt der Erinnerung auch seine Auswirkung auf heute und auf morgen.
 
Vielen Dank.